Ein Abend in der Oper

Der Vorhang geht auf. Das Publikum wartet gespannt darauf, dass das Musikstück beginnt. Es wird eine atemberaubende Performance erwartet. Man hört nur das Beste. Große musikalische Leistungen sollen erbracht werden. Der Dirigent ist bekannt. Es ist mucksmäuschenstill. Kein Zuschauer rührt sich. Alle warten gespannt auf die kommende Performance.

Der Vorhang ist nun vollends geöffnet. Man sieht, wie der Dirigent mit dem Rücken zum Publikum auf einem Podest steht. Vor seinen Musikern. Er hebt sachte den Arm. Gleich geht es los. Er wird anfangen zu dirigieren und die Musiker werden den energischen Bewegungen seines Armes folgen.

Die Blicke der Zuschauer sind größtenteils auf den Dirigenten gerichtet. Immerhin bildet er den zentralen Punkt. Kaum einer schaut auf die vielen, verschiedenen, musizierenden Menschen, die dort vor ihm im Halbkreis sitzen. Und deswegen fällt es auch keinem auf, dass ganz hinten links ein neuer Geiger sitzt.

Er ist erst seit kurzem dabei. Gerade einmal zwei Wochen hatte er Zeit mit dem restlichen Ensemble zu proben. Er wollte sich gerade deswegen heute beweisen. Insbesondere, weil es hart war überhaupt aufgenommen zu werden. In einem Orchester stimmen die Mitglieder anonym ab und nur wenn die Mehrheit der existierenden Team-Mitglieder den Neuling ‚bewilligt‘ – nur dann – darf er bleiben. Gott sei Dank, waren Team und Dirigent in diesem Fall einer Meinung. Wie mühselig war es oftmals in Vergangenheit, wenn der Dirigent dem Team-Voting nicht zustimmte und stur blieb und trotz allen Versuchen der gemeinsamen Entscheidungsfindung, auf seiner Beurteilung behaarte. So manch ein Musiker hätte vor lauter Frust über die Eitelkeit des Dirigenten gerne einmal die ein oder andere Saite aus seiner Geige gerissen.

Das Stück beginnt. Die ersten Töne erklingen und die Zuschauer zeigen erste Reaktionen. Manche lächeln. Manche schauen erstaunt. Manche sind skeptisch. Zurecht, es liegen ja auch noch einige Stunden vor Ihnen.

Die meisten, die es schaffen ihren Blick vom Dirigenten abzuwenden, schauen sich größtenteils nur die ersten Geigen an. Dabei unterscheiden sich die ersten und zweiten Geigen oft weder in Qualität noch in ihren technischen Spielfertigkeiten, sondern nur in der Tonlage. Sie sind für einen anderen musikalischen Tonbereich zuständig. Spezialisiert auf verschiedene Tonlagen. Dier ersten Geigen spielen höher als die zweiten. Einen anderen Ton zu spielen ist aber ja nicht gleichzusetzen mit zweitranging oder schlechter. Aber wen kann man schon für die fokussierte Aufmerksamkeit verurteilen? Immerhin klingt erste Geige doch wesentlich wichtiger und besser als zweite Geige. Wer will im Leben schon die zweite Geige spielen?

Die Anordnung der Instrumente hat sich lediglich so durchgesetzt, um den Klang jeder Stimme zu optimieren und das Orchester als Ganzes strahlen zu lassen.

Keiner der Zuschauer sieht jedoch so aus, als würde er gerade denken: Ja, also diese Bratsche dahinten in der vorletzten Reihe, dritter Platz von links – die spielt besonders gut. Wahrscheinlich weiß die Hälfte der Leute nicht mal was eine Bratsche ist. Aber reicht ja auch wenn der Musiker sein Instrument spielen kann. Hat ja keiner was davon, wenn jeglicher Zuschauer es kann. Dennoch schade, dass selten in einer Zeitung steht: Die Bratsche war im gestrigen Stück besonders herausragend. Es sollte auch mal jemand der Bratsche danken. Ohne die Bratsche wäre das Orchester nicht dasselbe.

Das Stück nimmt langsam an Fahrt auf. Töne werden lauter, leiser, wieder lauter, stoppen gänzlich. Manchmal spielt nur der Konzertmeister. Er spielt gut, jedoch kann man beobachten wie sich die Gesichter vieler Musikanten verzieht während seinem Solo. Er ist nicht sonderlich beliebt. Kein Wunder wo er doch genauso eingebildet ist wie der Dirigent und sich als was Besseres empfindet obwohl er Teil der ersten Violinen ist und ohne deren Ernennung und Unterstützung gar nicht erst in der Position wäre. Richtig gehört – die ersten Violinen haben ihn berufen. Sie konnten entscheiden. Vielleicht entscheiden sie auch bald zusammen seiner unfairen Art ein Ende zu setzen. Was wohl die Bratsche davon hält? Keiner weiß es. Es fragt sie aber auch keiner.

Man kann es ihr aber ansehen. Ebenso wie dem Bass Spieler. Zuschauer, die eifrig Zeitungsberichte gelesen haben, wissen, dass es erst vor kurzem noch einen Streit zwischen dem Bass-Spieler und dem Konzertmeister gab. Der Konzertmeister ist die Schnittstelle zwischen Orchester und Dirigent, gerade wenn es um künstlerische Belange geht. Um künstlerische Belange des gesamten Orchesters und jedem einzelnen der darin musiziert. Er vertritt auch den Dirigenten in dessen Abwesenheit – zu Vieler Manns Leid.

Denn dies ist problematisch, wenn der Konzertmeister mit sich selbst beschäftigt ist und jeden Sonnabend mit dem Dirigenten in die örtliche Jazz-Bar geht. Ich würde meinen Bass an dieser Stelle genauso hart umklammern aus Frust. Gott sei Dank sind diese Instrumente stabil gebaut.

Und Gott sei Dank konnte man alles in den Zeitungen lesen. Nicht das die Zuschauer noch etwas Falsches denken, wenn sie sehen wie grimmig der Bass-Spieler schaut. Wobei… in der Gruppe aus ‚Neben-Instrumenten‘ beachtet ihn wahrscheinlich eh kaum einer.

Die Leute neben mir flüstern leise. Eine Unverschämtheit wie ich finde, da ich mich voll und ganz auf den Klang der Musik fokussieren möchte. Mich interessiert nicht was Sonja letzte Woche mit Daniel auf der Party gemacht hat. Das hat überhaupt nichts mit der Vorstellung zu tun. Das Fagott allerdings schon. Bei all dem Getuschel um mich herum und der Übermacht der ersten Geigen ist dieses jedoch leider wieder nicht zu hören.

Vielleicht sollte ich selbst Fagott lernen zu spielen. Dann kann ich wenigstens endlich einmal den Klang genießen. Auch wenn ich bei weitem nicht so gut sein werde wie der Musiker im Orchester. Es ist wirklich eine Schande.

Dabei hat doch jedes Instrument und jeder Musiker seinen individuellen Reiz und Klang. Sie sollten alle ein wichtiges Solo haben, damit man die Kunst von jedem hören und bewundern kann.

Es neigt sich dem Ende. Noch gute 10 Minuten und dann wird sich der Vorhang schließen. Dabei konnte man noch nicht in den Genuss eines jeden Instrumentes kommen. Aber die Zeit ist dann vorbei. So ist das nun einmal.

Ich frage mich auch nach wie vor wozu es den Dirigenten benötigt. Wissen die Musiker denn sonst nicht wie sie ihr Instrument zu spielen haben? Ich verlerne doch auch nicht das Fahrradfahren insofern nicht jemand vor mir herläuft und mir anzeigt wie ich zu radeln habe.

Es heißt er gibt den Tempi an und gestaltet musikalischen Ausdruck. Er fügt dem Stück seine individuelle Interpretation zu. Es klingt also anders je nachdem welcher Dirigent vorne steht. Er gibt das musikalische Konzept vor nachdem gearbeitet wird. Er wählt das Repertoire aus. Er vereint und konzentriert in seiner Person die Macht und künstlerische Kompetenz der musikalischen Gestaltung. Er ist die musikalische Zentrale. Dafür braucht man ihn. So wurde es gesagt. Die Frage ist: Braucht man ihn wirklich oder ist das zu viel Macht in einer Person?

Zum Glück sind Dirigenten meist erfahrene, talentierte Musiker. Man stelle sich vor was zu hören wäre, wenn ein nicht qualifizierter Musiker diese Entscheidungsmacht innehätte.

Ein letzter Knall. Dann wird es leise. Das Stück ist zu Ende. Alle verbeugen sich. Die Zuschauer klatschen als gäbe es kein morgen mehr. Es war ein gutes Stück mit vielen Höhen und Tiefen. Man stelle sich vor wieviel vielfältiger und schöner es hätte sein können, wäre jeder Musiker in der Lage gewesen sein Können zu offenbaren.

Aber so funktionieren Orchester nun mal. Die Zuschauer sind zufrieden. Warum also nicht alles so lassen wie es ist?

Und wer sich jetzt wundert, warum ich von der Oper und Orchestern erzähle, der möge sich doch mal an unser geliebtes Projektmanagement erinnern und den Text noch einmal lesen.

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