Lean und Agile – Was sie verbindet

In einem unserer letzten Artikel habe ich den Unterschied zwischen Agil und Lean diskutiert. Ich habe ausdrücklich nicht über die agile Entwicklung gesprochen, sondern über Agile an sich – der agilen Denkweise. Ich glaube, diese zu verinnerlichen ist der erste Schritt, den man machen muss, bevor man erfolgreich agil arbeiten kann. Wenn man die zugrundeliegende Denkweise nicht wirklich versteht, kann man kaum alle Vorteile der darauf basierenden Methoden nutzen.

Und vielleicht ist dies ein weiterer Grund, warum die meisten Menschen agile Entwicklung mit Lean verwechseln. Agile Entwicklung ist ein Prozess für flexible Software-Entwicklung, der in einigen Aspekten mit den Lean-Prinzipien verbunden ist, ABER eben nicht dasselbe ist.

Eine Möglichkeit, zu zeigen, wie beide miteinander verbunden sind, besteht darin, das agile Manifest durchzugehen. Und genau das möchte ich jetzt gerne mit euch tun – los geht’s:

 

1.        Individuen und Interaktionen über Prozesse und Werkzeuge

Da agile Teams dezentral und funktionsübergreifend arbeiten, spielen Menschen eine zentrale Rolle in der Agilität. Teams müssen zusammenarbeiten, Kommunikation und die richtige Mischung an vorhandenen Fähigkeiten im Team ist sehr wichtig. Viele Abteilungen haben jedoch immer noch Schwierigkeiten, mit an Bord des agilen Arbeitens zu kommen, was das Aufbrechen der Silos und dem ganzheitlichen, funktionsübergreifenden Arbeiten in der Organisation erschwert.

Lean knüpft daran an und geht sogar noch einen Schritt weiter, indem es sich auf die Lösung des Problems konzentriert. Die Entwicklung von Fähigkeiten und die Verbesserung der Fähigkeiten aller ist ein zentraler Bestandteil des Lean-Ansatzes. Eine der wichtigsten Fragen im Zusammenhang mit Lean lautet: “Wer muss was lernen, damit das Unternehmen erfolgreich ist?“ Anstatt einfach nur die richtigen Leute für das Team auszuwählen, konzentriert sich Lean stark darauf, die Fähigkeiten der Mitarbeiter entsprechend zu schulen (vielleicht spielt HR heutzutage auch deshalb eine größere Rolle bei Agile…). Einer der Lean-Ansätze ist die Problemlösung auf der Grundlage des “Plan-Do-Check-Act”-Zyklus. Dieser Ansatz konzentriert sich darauf, die “richtigen” Probleme auszuwählen und Entscheidungen zu treffen, um diese Probleme basierend auf Fakten zu lösen. An meiner Universität hatte ich in gewisser Weise den gleichen Ansatz (so genanntes problemorientiertes Lernen), bei dem wir bestimmte Fallstudien in Tutorials ausgehändigt bekamen und mit Hilfe der erlernten Theorie in kleinen Teams Lösungen finden mussten. Ich würde mit Sicherheit sagen, dass es mir persönlich geholfen hat, zu lernen und mich weiter zu entwickeln „gezwungenermaßen“ nachzudenken, mich zu konzentrieren und das Problem mit Hilfe meiner bereits entwickelten Fähigkeiten kreativ zu lösen. Es kommt irgendwie einem “Learning by doing”-Ansatz nahe, der sich halt auf spezifische Problemlösungsfähigkeiten konzentriert. Lean bedeutet in der Tat, die Ausbildung am Arbeitsplatz zu unterstützen und den Menschen zu helfen, die notwendigen Fähigkeiten zu entwickeln und als Team während der Arbeit selbst zu lernen.

Diese Lean-Ansätze finden sich in den beiden Lean-Prinzipien “Create Knwoledge” (Wissen schaffen) und “Respect People” (Menschen respektieren) wieder und passen gut in die agile Welt. Vielleicht können sie sogar helfen, die funktionsübergreifenden Hindernisse zu überwinden?

 

2.        Arbeitssoftware über umfassende Dokumentation

Agile Teams arbeiten in Iterationen – meist in Zyklen von zwei Wochen – mit dem Ziel, so schnell wie möglich funktionierende Software (oder ein funktionierendes Produkt im Allgemeinen) zu entwickeln, anstatt lediglich „am Ende“ ein einziges, fertiges Produkt zu haben. Sie wollen so schnell wie möglich einen Wert für den Kunden schaffen – dies nennt man das Minimum Viable Product (MVP). Dadurch erhalten sie außerdem schnelles Feedback zum Produkt und können dieses stetig verbessern und sich ändernde Anforderungen während des Prozesses berücksichtigen.

Dies kann mit den Lean-Prinzipien der schnellen Lieferung und des stetigen Engagements verbunden werden. Lean zielt darauf ab, den Flow zu steuern und die Menge der laufenden Arbeiten (WIP) zu begrenzen, um den Fokus zu verbessern und Verschwendung zu reduzieren.

Agile Teams steuern den Arbeitsfluss, indem sie in funktionsübergreifenden Teams arbeiten, die während und am Ende ihrer Iterationen einen Mehrwert liefern. Jede Iteration wird entsprechend der Verfügbarkeiten geplant. Dadurch wird eine Überlastung vermieden und Aufgaben erledigt, welche normalerweise aufgrund von fehlender Konzentration und Zeitmangel nicht erledigt werden können.

Das klingt alles ziemlich ähnlich, nicht wahr? In der Tat konzentrieren sich beide (Lean und agiles Arbeiten) auf das Wesentliche, mit dem Ziel, Verschwendung zu reduzieren und durch den “Flow” so schnell wie möglich Wert zu schaffen. Die kurzen Feedback-Zyklen fördern dies. Zu wissen, was für den Kunden wichtig ist, und so schnell wie möglich darauf reagieren zu können, ist sowohl für die agile Entwicklung als auch für Lean wichtig. Agile Teams erhalten dieses Feedback aufgrund ihrer Iterationen und ständig stattfindenden Systemdemos, während Lean auf einem Just-in-Time-System basiert, das immer versucht, Verschwendung zu eliminieren, indem es so viel Feedback wie möglich einbezieht und seine Entscheidungen darauf aufbaut.

 

3.        Zusammenarbeit mit dem Kunden über Vertragsverhandlung

Kurz zusammengefasst konzentriert sich Lean darauf, “das richtige Produkt zu entwickeln” (etwas, was der Kunde braucht) und Agile konzentriert sich mehr darauf, “das Produkt richtig zu entwickeln” (dem Kunden das gewünschte Produkt zu liefern). Das hört sich irgendwie gleich an, ist es aber nicht. Wenn wir in einem agilen Team arbeiten, sind wir glücklich, wenn der Kunde es ist. Unser Ziel ist es, dem Kunden so schnell wie möglich einen Mehrwert zu bieten und das Produkt auf der Grundlage des erhaltenen Feedbacks zu verbessern. Bei Lean konzentrieren wir uns darauf, sicherzustellen, dass die Anforderungen mit den Bedürfnissen der Benutzer übereinstimmen und einen Wert darbieten. Klingt immer noch gleich? Nun, denkt dran, dass Lean aus der Automobilherstellung stammt und von Toyota entwickelt wurde. Man schaute auf den Markt und berücksichtigte das Feedback des Marktes, arbeitete ständig am Wesentlichen, managte den Arbeitsfluss und minimierte Verschwendung, um ein nützliches Produkt für ihren Kunden (den Markt) zu entwickeln. Zara tut zum Beispiel dasselbe. Sie arbeiten ebenfalls mit einem Just-in-Time-System, suchen ständig nach Rückmeldungen vom Markt, verfolgen Trends und stellen ihre Kleidung entsprechend her, um Kleidung zu liefern, die der Kunde tatsächlich wünscht und benötigt.

Agile kommt aus der Software-Entwicklung. Hier konzentriert man sich darauf, kurze Feedback-Schleifen zwischen dem Kunden und dem Entwicklungsteam einzurichten, damit sie Anforderungen einfließen lassen können, und die Funktionalität ständig nach den Wünschen des Kunden anzupassen. Es geht darum, die Entwicklung flexibler und effizienter zu gestalten.

So oder so, beiden – Lean und Agile –  ist ihre Qualität sehr wichtig. Agile hat einen strukturierten Ansatz mit vielen Reviews und Zeitpunkten zur Anpassung des Produktes, welche es ihnen ermöglicht, sich auf eine hohe Qualität innerhalb ihrer Entwicklung zu konzentrieren und diese sicherzustellen. Agile Teams erhalten ständig Feedback und suchen nach Möglichkeiten zur Verbesserung und Gewährleistung qualitativ hochwertiger Produkte.

Lean ist in hohem Maße standardisiert und verfügt über disziplinierte Prozesse, die es dem Team ermöglichen, das Lean-Prinzip der “Build-in-Quality” zu praktizieren. Dank dieser standardisierten und automatisierten Prozesse minimiert Lean seine Prozessfehler und die Mitarbeiter haben Zeit, sich stattdessen auf den Kundenmehrwert zu konzentrieren.

 

4.        Reagieren auf Veränderung über striktes Halten an einen Plan

Der letzte Punkt ist irgendwie offensichtlich, wenn man die ersten drei genau liest. Lean basiert auf einem Just-in-Time-System, was buchstäblich bedeutet, so viel Feedback wie möglich abzuwarten, bevor Entscheidungen getroffen werden, um Veränderungen zu optimieren. Das bedeutet nicht, ewig zu warten, sondern auf “Veränderung” zu reagieren, wobei “Veränderung” das richtige Kundenfeedback ist. Lean ist nicht strikt an einen Plan gebunden, ebenso wenig wie Agile. Agile Teams haben ihre Iterationen, die so aufgebaut sind, dass sie flexibel sind und auf Veränderungen reagieren können.

Am Ende kann man sagen, dass hier zwei Schlüsselkonzepte aufeinandertreffen (Lean – das richtige Produkt bauen und Agil – das Produkt richtig zu bauen). Und genau da können Lean und Agile kombiniert werden, um das gesamte System zu optimieren (was auch übrigens beide anstreben). Beide folgen Zyklen (Lean Start-Up-Zyklus und agiler Entwicklungszyklus), und wenn man diese Zyklen überlagert, kann man die Vorteile von beiden nutzen. Wie genau man das tun kann? Wartet ab, ich werde das in einem unserer zukünftigen Artikel diskutieren.

 

Autor: Melanie Bühne

jetzt Seite teilen
Share on Facebook
Facebook
Tweet about this on Twitter
Twitter
Share on LinkedIn
Linkedin
Share on Xing
Xing
Zurück
Commerbank Allianz iKK classic Sparkasse Techniker Krankenkasse
Menü Icon
Kontakt Icon